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Foto: goodluz/fotolia

Masterarbeit von Marlies Madzar

Wilde Landschaft – gepflegte Natur Widersprüche und Herausforderungen in Wahrnehmung, Nutzung und Vermarktung von Landschaft im Garstnertal in Oberösterreich

Das fortwährende Interesse der Menschen an einem Aufenthalt in der Natur, vor allem für sportliche Aktivitäten und Erholung, hat zu neuen Ansprüchen an unverbaute Flächen geführt. Neben land-, alm- und forstwirtschaftlicher Nutzung beansprucht folglich auch der Tourismus Raum und seinen Anteil an der Landschaft in der Pyhrn-Priel Region. Durch die damit verbundene intensivierte Vermarktung von Landschaft, die Gründung des Nationalpark Kalkalpen und dem Fokus auf der Gestaltung eines attraktiven Sommertourismus werden immer mehr AkteurInnen involviert. Damit einher gehen neue Herausforderungen für eine Vielzahl der involvierten NutzerInnengruppen. In der vorliegenden Arbeit habe ich mich dabei besonders auf das Gebiet rund um Windischgarsten und Spital am Pyhrn konzentriert.

Der Zweck dieser Arbeit liegt demnach in der Darstellung unterschiedlicher Wahrnehmungen von Landschaft und ihrer Relevanz für die daraus resultierenden Nutzungskonflikte. Spannungen zwischen AkteurInnen aus Tourismus, Agrarwirtschaft und Naturschutz sind in vielen Tourismusgebieten ein aktuell wichtiges Thema. Die vorliegende Arbeit bietet ein Fallbeispiel aus einer Region, die sich im Wandel befindet und einer Vielzahl an unterschiedlichen Nutzungsansprüchen gerecht werden muss.

 

Methoden und Zugang

Mit den anthropologischen Kernmethoden wie der teilnehmenden Beobachtung, informellen Gesprächen, Interviews und Go-alongs, wurden diese Unterschiede in der Wahrnehmung von Landschaft herausgefiltert und in Folge dargestellt. Dazu gehören die Sichtweisen relevanter AkteurInnen aus Land-, Alm-, Jagd- und Forstwirtschaft, Politik und Tourismusverband, sowie Naturschutz und Nationalpark als institutionelle Stakeholder. Die Differenz in der Wahrnehmung führt hier zu verschiedenen Ansprüchen an die Nutzung und damit zu neuen Konstruktionen von Landschaft als wichtige lokale Ressource. Basis für die Erhebung und Analyse der Daten, ist eine Einbettung in theoretische Konzepte von Natur, Landschaft und Konflikt. Außerdem finden unterschiedliche Raumkonzepte Anwendung, da Nutzungskonflikte in einem engen Bezug zu räumlichen Auffassungen von Landschaft stehen. Die Umsetzung eines interdisziplinären Ansatzes ermöglicht die Einbindung von Konzepten der Ökologie, Machtverhältnissen und politischen Strukturen. Letztere sind von besonders großer Relevanz, da hier die Entscheidungen für zukünftige Projekte und Entwicklungen getroffen werden.

 

Ergebnisse

Das vorliegende Fallbeispiel zeigt die Überlappungspunkte und raumstrukturellen Konfliktpotentiale zwischen den einzelnen NutzerInnen von Landschaft auf. Die Art und Weise ihrer Produktion hängt eng mit dem gewünschten Nutzen zusammen. Es spielt eine grundlegende Rolle, ob der Wahrnehmung idealistische - häufig historisch verankerte - Vorstellungen einer Kulturlandschaft, ökonomisch relevante Ressourcennutzung oder konservierende Schutzziele zugrunde liegen. Freizeitaktivitäten, vor allem jene, die durch den Tourismus gefördert werden, finden dabei in demselben Raum statt, der bereits von anderen AkteurInnen zu ihrem Zweck genutzt wird. Dies führt zu rechtlichen und räumlichen Herausforderungen. Doch der Tourismus trägt auch zum Erhalt der Landschaft bei, was zu
einem spannenden Verhältnis der AkteurInnen führt. Konflikt ist in dieser Beziehung als normal anzusehen (Cameron-Daum/Tilley 2017).

Essentiell für das Verständnis dieser Konflikte ist hierbei die Tatsache, dass sich eine Vielzahl an NutzerInnen auf relativ kleinem Raum befindet. Hauptsächlich lässt sich der landschaftliche Raum dabei wie folgt aufteilen: bewirtschaftete (Kultur-) Landschaft und (naturbelassene) Wildnis. Die Zuschreibungen der unterschiedlichen NutzerInnen unterscheiden sich dabei jedoch stark. Der Ursprung dieser Differenz ist häufig in der historischen Entwicklung der Landschaft und folglich tief in den Nutzungsansprüchen der Menschen verankert. Landschaft wird folglich ganz klar durch die Handlungen der Menschen definiert. Diese sind außerdem essentiell für die Entstehung von Konflikt, der sich in Folge in diesem Raum manifestiert. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen prägen dabei nicht nur das heutige Verständnis von Landschaft, sondern produzieren auch ein raumstrukturelles Konfliktpotential (Ziener 2003, 2005b, 2005a).

Dieses ist in Bezug auf den Nationalpark Kalkalpen besonders hoch. Klare Übereinstimmung herrscht jedoch darüber, dass es keinen Konflikt mit Naturschutz an sich gibt, sondern Unmut über die Art und Weise, wie der Nationalpark geführt wird – etwa in welcher Weise Naturschutzmaßnahmen bestimmen, wie mit Natur und Landschaft umzugehen ist. Bezugnehmend auf die Einteilung nach Ziener (2003) sind in der vorliegenden Forschung also sowohl akteursbezogene Zielkonflikte auf Gemeinde-, Tourismus- und Naturschutzebene, als auch unterschiedliche Raumnutzungskonflikte zu finden. Einige Diskurse, wie zum Beispiel der Naturschutz, werden dabei von überregionalen Instanzen in die Hand genommen und in Folge fühlen sich lokale Stakeholdergruppen fremdbestimmt durch Beschlüsse von außerhalb. Das Gefühl einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber Entscheidungen verhärtet über die Zeit die Fronten immer mehr. Wie von Kühne (2013) argumentiert ist demnach Landschaft auf allen Ebenen machtbezogen. Die ungleiche Verteilung der Nutzungsrechte und differierende ästhetische Wahrnehmungen resultieren in stetigen Strukturveränderungen. Daraus häufig entstehende Fremdbestimmung durch regionale und überregionale Instanzen führt zu Konflikten auf lokaler Ebene.

Die divergierenden Ansprüche bezüglich ästhetischer und ökologischer Landschaftspflege machen eine Zusammenarbeit der unterschiedlichen Stakeholdergruppen anspruchsvoll. Miteinbeziehung der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse wäre wichtig, scheitert jedoch häufig an der Umsetzung. Erinnerungen prägen die Machtverhältnisse zwischen den Stakeholdergruppen, welche sich bereits seit Jahrzehnten in ihrer Form herausgebildet haben. Die Konflikte sind immer schwieriger aufzulösen, da das System an NutzerInnengruppen und EntscheidungsträgerInnen stetig komplexer wird. Auch die größtenteils überaus emotionale Bindung der AkteurInnen zu Natur und Landschaft erschweren Kommunikationsprozesse zur Konfliktbewältigung. Außerdem hat sich in der vorliegenden Forschungsarbeit gezeigt, dass es bei all diesen Aspekten äußerst wichtig ist, Gender- und Generationenunterschiede zu beachten. Daher gilt es, vor allem bei Überlegungen zur Konfliktbewältigung, den anstehenden Generationenwechsel in der Landwirtschaft zu beachten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Landschaft als soziale Konstruktion nicht nur zu einer Vielzahl an Bedeutungszuschreibungen auf individueller und kollektiver Ebene führt, sondern auch ein enger Zusammenhang mit ökologischen Bedingungen vor Ort besteht. Die touristische Nutzung verlangt eine bessere Kooperation unterschiedlicher AkteurInnen, welche dabei aufeinandertreffen. Eine enge Zusammenarbeit ist essentiell, um auf kleinem Raum allen Ansprüchen gerecht zu werden und Landschaft im Tourismus sinnvoll zu nutzen.

 

Download

Die Masterarbeit "Wilde Landschaft – gepflegte Natur. Widersprüche und Herausforderungen in Wahrnehmung, Nutzung und Vermarktung von Landschaft im Garstnertal in Oberösterreich" (2019) von Marlies Madzar wurde an der Universität Wien an dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie verfasst und kann hier heruntergeladen werden
(PDF-Download: 2,2 MB).

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