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Foto: goodluz/fotolia

Masterarbeit von Lisa Böhm

Wassersport und Naturschutz im Konflikt? Eine Fallstudie zum Kanusport auf den Wildflusslandschaften im Naturpark Karwendel

Aufgrund eines zunehmenden Flächenverbrauchs schwinden in einigen Alpenregionen naturnahe Landschaften. Davon sind auch natürliche Flusslandschaften betroffen. Dem WWF Österreich nach sind im Alpenland Österreich nur noch 14% aller Fließgewässer ökologisch intakt und durchschnittlich ist alle 600m eine Barriere in den österreichischen Flüssen vorzufinden. Demzufolge kommt dem Schutz natürlicher Wildflusslandschaften eine besonders große Bedeutung zu.     

Gleichzeitig nimmt in der heutigen Zeit die Ausübung von Aktivitäten, die in der Natur stattfinden, zu. Besonders der Alpenraum, der Ziel von zahlreichen Natursportlern ist, unterliegt in einigen Regionen einem zunehmenden Nutzungsdruck von verschiedenen Interessensgruppen.
Natursportarten sind für den umgebenden Naturraum jedoch mit vielfältigen Auswirkungen verbunden. Intakte Flusslandschaften erfüllen wichtige Funktionen, wie die des natürlichen Hochwasserschutzes und der Grundwassersicherung. Oftmals sind sie ein letzter Lebensraum für seltene bzw. gefährdete Pflanzen- und Tierarten, wie dem Flussuferläufer, der Deutschen Tamariske oder der gefleckten Schnarrschrecke. Zudem werden naturnahe Fließgewässer bevorzugt als Naherholungsräume genutzt, so auch von Kanusportlern. Im Tiroler Naturpark Karwendel befinden sich die beiden Wildflusslandschaften, die der oberen Isar und die des Rißbachs, die gleichzeitig bedeutende Kanustrecken darstellen und als Untersuchungsgebiete festgelegt werden. Diese können, aufgrund ihrer Wasserführung und Schwierigkeit, als alpine Wildwasserstrecken bezeichnet werden.
Während Untersuchungen zum Freizeitsport auf der bayerischen Seite des Karwendelgebiets vorliegen, fehlen Erkenntnisse zum Kanusport auf Tiroler Seite. Die vorliegende Arbeit soll helfen diese Lücke zuschließen und ein gegenseitiges Verständnis unter Kanusportlern und Naturschützern fördern. Es stellt sich die Frage, inwiefern in den benannten Untersuchungsgebieten Kanusport und Naturschutz im Konflikt zueinander stehen. Dies ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit.

 

Methodik

Im Sommer 2019 wurden an den beiden Kanustrecken quantitative vor-Ort-Befragungen der Kanuten, vorwiegend an Wochenenden, durchgeführt. Es wurde im Vorfeld ein Fragebogen ausgearbeitet, der sich aus insgesamt 53 Fragen zusammensetzte, und von den Kanuten auszufüllen war. Als Befragungsstandorte dienten bekannte Ausstiegsstellen der Paddler. Insgesamt konnten hier 104 Kanuten befragt werden. Auf der Grundlage der Erkenntnisse aus der Datenerhebung soll neues Wissen über die Kanuten im Naturpark Karwendel erlangt werden. Mit Hilfe einer räumlichen Analyse wird herausgefunden, wo sich Schutzstatus und Aktivitäten der Kanuten besonders überlagern.

 

Ergebnisse & Diskussion

Im Rahmen der Befragung stehen folgende vier Forschungsfragen im Fokus. Ergebnisse bezüglich dieser Fragen werden erläutert:

  • Wie lässt sich ein Kanute, der auf den Wildflusslandschaften im Naturpark Karwendel paddelt, charakterisieren?

Kanusportler im Karwendel kommen vorallem aus den süddeutschen Bundesländern und aus Tirol. Darunter sind viele fortgeschrittene Kanuten, die bereits diverse Touren im Karwendel und auf anderen alpinen Wildflüssen unternommen haben. Sie sind überwiegend im eigenen Kajak und mit anderen Vereinsmitgliedern bzw. Freunden unterwegs. Im Rahmen der Forschungsarbeit wurden keine kommerziell organisierten Ausfahrten beobachtet. Die Mehrheit der Befragten sind in einem kanusportlichen Verein organisiert, informieren sich im Internet oder entsprechenden Foren und v.a. mit Apps über Fließgewässer.

  • Wie ist das Verhalten der Kanuten vor Ort an der Wildwasserstrecke?

Entlang der Kanustrecke befinden sich bestimmte Stellen, die überwiegend von den Kanuten als Ein- und Ausstiege genutzt werden. Zwischenanlandungen und damit verbundene Aufenthalte in Ufernähe begrenzen sich häufig auf die schwierigeren Schlüsselstellen der Kanustrecke. Anhand einer differenzierten Betrachtung mit den Ergebnissen aus Monitoringdaten des Naturparks werden Konfliktzonen – vorallem am Rißbach – deutlich, wo sich Vorkommen von spezifischen, teilweise gefährdeten Charakterarten und kanusportlichen Aktivitäten überschneiden.

  • Warum paddeln die Kanuten auf der oberen Isar und auf dem Rißbach?

Das wichtigste Kriterium für Kanuten, auf den alpinen Wildflusslandschaften im Naturpark Karwendel paddeln zu gehen, ist die einzigartige Naturlandschaft. Andere wichtige Motive der Kanuten sind der Wildflusscharakter, das Natur- und Landschaftserlebnis sowie der Spaß.

  • Wie ist die Einstellung der Kanuten zum Naturschutz?

Die Mehrheit der Kanuten ist sich bewusst, dass die beiden Kanustrecken in einem Schutzgebiet liegen. Die Hälfte der Befragten kennt ebenfalls die für Wildflusslandschaften typische Tierarten. Aus der vorherigen Forschungsfrage wird sichtbar, dass genau das, wofür sich der Naturschutz einsetzt, ein bedeutender Faktor und auch gleichzeitig Anziehungspunkt für Kanuten im Naturpark Karwendel ist.
Die Akzeptanz des Naturschutzes unter den Kanuten im Naturpark Karwendel wird anhand der Bewertung verschiedener Statements deutlich. Von den Befragten wird der Ausbau von wassersportlicher Infrastruktur entlang der Kanustrecken deutlich verneint. Gleichzeitig wird die Vereinbarkeit von Naturschutz und Freizeitsport als möglich angesehen.
Für die Beantwortung der zentralen Fragestellung kann zusammenfassend festgestellt werden, dass eine Vereinbarkeit von der Ausübung des Kanusports und der Naturschutzziele im Naturpark Karwendel möglich ist. Kanusport und Naturschutz stehen in Bezug auf einige Aspekte im Konflikt, da vor allem rücksichtlose und unbedachte Befahrungen der Kanustrecken vielfältige Auswirkungen auf Flora und Fauna haben. Besonders kritisch ist dabei die zeitliche Überlagerung von Befahrungen und der Brutzeit gefährdeter Tierarten, da Paddler vor allem aufgrund der günstigen Wasserstände in der Zeit von Mai bis Ende Juli, des Beginns der Schneeschmelze, unterwegs sind.
Ergebnisse der Befragung zeigen jedoch, dass unter den Kanuten im Naturpark Karwendel ein Zuspruch für den Naturschutz gegeben ist und ein Interesse an naturschutzfachlichen Themen besteht. Die wichtigsten Schlüsselfaktoren für die Akzeptanz von Schutzgebieten sind damit vorhanden. Somit ist eine nachhaltige, zukünftige kanutouristische Nutzung der Wildflüsse ohne eine erhebliche Gefährdung der Ziele des Schutzgebiets möglich.

 

Praktisches Management

Für das Naturparkmanagement können somit folgende Handlungsempfehlungen für die zukünftige Auseinandersetzung mit den Kanuten ausgesprochen werden:

  • Es sind Kooperationen von Kanu- und Natursportvereinen notwendig und diese bilden einen Teil des Schutzgebietsmanagements
  • Besucherlenkung auf gewisse Ein- und Ausstiegsstellen, um Konfliktzonen zu minimieren
  • Regelungen/Beschränkungen ohne Einbeziehung der Kanusportler sind zu vermeiden

 

Download

Die Masterarbeit "Wassersport und Naturschutz im Konflikt? Eine Fallstudie zum Kanusport auf den Wildflusslandschaften im Naturpark Karwendel" (2019) von Lisa Böhm wurde an der Universität Passau an der Philosophische Fakultät verfasst und kann hier heruntergeladen werden (PDF-Download: 2,7 MB).

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