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Foto: Herfried Marek

Foto: Ewald Neffe

Foto: Ewald Neffe

Spinnweb-Hauswurz

Eine Pflanze, die spinnen kann? Und was macht eine Wurz´n am Haus? Ja und wo bitte wächst die Wurz, wenn gerade kein Haus da ist? Die Hauswurz ist eine ganz eigenartige Pflanze unserer Vegetation mit einem außergewöhnlichen Stoffwechsel. Sie ist immerlebend, einmalblühend, wasserspeichernd und spinnhaarig. 

Immerlebende Hitzemeisterin...

Dickfleischige Blätter, welche zu kleinen kugelförmigen Rosetten angeordnet sind, und wir haben unsere allseits bekannte Hauswurz, wie sie gern in Tontöpfen oder auf Steinmauern ums Haus gesetzt wird. Oft ist die Freude groß, wenn bekannt wird, dass diese Pflanzen bei uns sehr wohl auch wildwachsend vorkommen. Wo? Dazu später mehr.

Der Sage nach gehört eine Hauswurz auf jedes Hausdach, weil sie dauerhaft vor Blitzschlägen schützt. Daher auch der deutsche Gattungsname unserer Pflanze. Die botanische Bezeichnung "Sempervivum" ist da schon mehr in der realen Welt, denn das heißt wortwörtlich übersetzt immer lebend. Die attraktiven, weniger als 2 cm Durchmesser aufweisenden Grundblattrosetten unserer Spinnweb-Hauswurz, sind aus dickfleischigen Einzelblättern aufgebaut, welche an der Spitze ein kleines Haarbüschel tragen. Schon im ganz jungen Zustand verkleben diese Haare mit denjenigen der Nachbarblätter. Dann wachsen die Blätter in die Länge, dehnen sich nach außen, und die Haare werden zu einem filzigen Netz aufgespannt, welches an ein Spinnennetz erinnert. Im Gegensatz zum Tierreich dient dieses Netz aber als Wärme- und Strahlungsschutz. Die dicken Blätter speichern Wasser (unsere Pflanze gehört zur Familie der Dickblattgewächse) und ermöglichen damit ein Leben an ausgesprochen trockenen Standorten. Wenn die Sonne scheint, ist es hier sehr heiß: An der Blattoberfläche wurden schon 60°C gemessen. An so einem Platz ist ein guter Verdunstungsschutz wichtig. Daher öffnet die Hauswurz ihre Spaltöffnungen zur Aufnahme von CO2 aus der Luft nur in der Nacht, im Gegensatz zu fast allen anderen heimischen Pflanzen. Der Stoffwechsel in Form der Photosynthese findet bei unserer Pflanze sehr wohl auch untertags statt, es braucht ja das Sonnenlicht dazu. In der Zeit dazwischen speichert die Hauswurz das CO2 als Äpfelsäure zwischen. Sie zählt damit zu den sogenannten CAM-Pflanzen (Crassulacean Acid Metabolism).

...doch nicht unsterblich

Eine große Besonderheit in unserer Flora ist das Blühverhalten der Hauswurz: Sie lebt viele Jahre als eher unscheinbare Blattrosette, bevor sie dann einmal aus der Mitte der Blattrosette stark in die Höhe wächst. Die Spinnweb-Hauswurz blüht dann sehr auffällig in Form von rosafarbigen Sternen, gebildet aus je 8-10 Blütenblättern. Und nach diesem pompösen Ereignis stirbt unsere Pflanze. Es überleben nur die Samen sowie kleine Tochterrosetten, welche schon zuvor gebildet wurden. Diese dienen auch der Ausbreitung als "Bergab-Roller". Und bergab gibt es viel zu rollen, denn die Spinnweb-Hauswurz wächst in den hohen Berglagen unserer Zentralalpen nur über kalkfreiem Gestein in kargen Felsfluren. Hier sind Nährstoffe Mangelware und Wasser ebenso. Dieser extreme Lebensraum im Gebirge erfordert spezielle Anpassungen, wie die schon beschriebenen dicken und Wasser speichernden Blätter oder den ganz besonderen Stoffwechsel. Die kugeligen Blattrosetten sind kleine Nährstoffbomben, weshalb sie als Nahrung für Tiere dienen können und gelegentlich auch vom Alpensteinbock als Energiequelle genutzt werden.

Die Spinnweb-Hauswurz wächst sehr langsam. Erfreuen wir uns daher in aller Ruhe an ihrer Blütenpracht direkt vor Ort auf den Berggraten und -rücken. Schauen wir zu, wie die nektarreichen Blüten von Insekten besucht werden, und wie hübsch sich die Tochterrosetten um die Mutterpflanze herum gruppieren. Und wenn wir unser eigenes Haus vor Blitzschlag schützen oder schlecht heilende Wunden mit dem Pflanzensaft der Hauswurz heilen wollen, dann schauen wir doch zur Gärtnerei unseres Vertrauens für eine deutlich rascher wachsende und kultivierte Dach-Hauswurz.

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