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Foto: Herfried Marek

Foto: Ewald Neffe

Foto: Ewald Neffe

Hirschzungenfarn

Im schattigen Schluchtwald fühlt er sich wohl. Gleichsam mystisch erscheint er hier und besonders malerisch, wenn die Sonne sein zartes Blatt zum Leuchten bringt. Der Hirschzungenfarn – Hexenkraut im Mittelalter und seltene Pflanze unserer Landschaft.

Nicht so einfach, das mit den Sporen

Heben sich die Morgennebel aus der kühlen, schattigen Schlucht, werden langsam Details erkennbar: ein kleines Bächlein zwischen bemoosten Felsblöcken, an den steilen Hängen mächtige Linden, Ahorn und Eschen und am Fuße ihrer Stämme eine üppige Vielfalt an Kräutern. Insekten schwirren in der Luft – ein reich gedeckter Tisch für die Wasseramsel auf Nahrungssuche. In diesem Reichtum bleiben die Blicke gern am Hirschzungenfarn hängen. Seine Blattwedel wirken beruhigend ebenmäßig, glatt ausgebreitet, mit welligen Rändern und in Büscheln trichterförmig wachsend. Im Unterschied zu den meisten anderen Farnen sind sie ungeteilt. Mit etwas Glück sind an der Blattunterseite auch sogenannte "Sori" zu erkennen, braun und linealisch geformt, auf eng benachbarten Nerven paarweise angeordnet. Das sind die Orte, an denen der Farn seine Sporen produziert. Im Unterschied zu den Blütenpflanzen vermehren sich Farne nämlich nicht über Samen, sondern eben über diese Sporen. Und jetzt wird’s spannend, oder jedenfalls ungewöhnlich! Aus den Sporen entwickeln sich unscheinbare, kurzlebige "Vorkeime", die in ihrem Aussehen eher an ein Lebermoos, als an einen Farn erinnern. Hier werden die männlichen und weiblichen Keimzellen gebildet. Nach erfolgreicher Befruchtung der Eizelle kann schließlich die bekannte Farnpflanze wachsen.

Der lateinische Artbeiname "scolopendrium" hat seinen Ursprung im griechischen "skolekes", was "kleine Würmer" bedeutet und sich auf das wurmartige Aussehen der Sori bezieht. Der sprechende Name "Hirschzunge" betrifft, leicht nachvollziehbar, die langgestreckte Form der Blätter.

Zauberhaft und unerkannt

Die Fortpflanzung der Farne gab den Menschen früher ein großes Rätsel auf. Weder Samen noch Keimlinge waren zu finden – das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Fantasie und Aberglauben waren also Tür und Tor geöffnet. Es wurde vermutet, Farnblüten- und Samen wären unsichtbar. Andere Erzählungen wiederum berichten, das Farnkraut blühe nur in der Johannisnacht (23./24. Juni) und werfe dann den begehrten "Wünschelsamen" ab. Wer diesen besaß, hatte ein Zaubermittel in der Tasche, hieß es. Er ließe Wünsche in Erfüllung gehen, könne seinen Besitzer vor Hexereien und Zauber schützen und sogar unsichtbar machen, ihm beim Finden von verborgenen Schätzen helfen und Unwetter abhalten. Kein Wunder also, dass er so heiß begehrt war. Sogar Verbote für das Sammeln von Farn oder Farnsamen in der Johannisnacht wurden erlassen. Erst im 19. Jahrhundert lüftete ein Botaniker das Geheimnis um die Vermehrung der Farne.

In der modernen Homöopathie wird der Hirschzungenfarn wegen seiner lymphunterstützenden Wirkung geschätzt. Schon im Mittelalter schrieb Hildegard von Bingen, der Farn habe derart große Kraft, dass ihn der Teufel fliehe. Auf sie geht die Rezeptur eines Elixiers von Hirschzungenfarn mit Wein, Zimt, Pfeffer und Honig zurück. Es hilft gegen Lungenentzündung, Asthma, Husten, Bauchschmerzen, Störungen im Hormonhaushalt, Menstruationsstörungen, Lebererkrankungen und bei Beschwerden der Wechseljahre. Zu den wichtigen Inhaltsstoffen der Pflanze gehören Schleimstoffe, Gerbstoffe, Vitamin C, Cholin und Kohlenhydrate.

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