Teresa Nunner
Auswirkungen von Betritt auf die Vegetation von (Halb-)Trockenrasen im Nationalpark Thayatal
eine experimentelle Studie
Einleitung
Trocken- und Halbtrockenrasen gehören zu den artenreichsten Vegetationstypen Mitteleuropas und stellen wichtige Habitate für zahlreiche gefährdete Gefäßpflanzen, Moose und Flechten dar. Ihre Existenz ist eng an historische Nutzungsformen wie extensive Beweidung und Mahd gebunden. Mit dem Rückgang dieser traditionellen Nutzungen sind viele dieser Lebensräume jedoch stark bedroht: Verbrachung, Verbuschung und Nährstoffeinträge führen zunehmend zum Verlust der charakteristischen Artenvielfalt.
Neben diesen Prozessen gewinnen in den letzten Jahren auch anthropogene Störungen wie Freizeitnutzung und damit verbundener Betritt an Bedeutung. Die ökologischen Auswirkungen von Trittbelastung scheinen oft augenscheinlich, wurden im mitteleuropäischen Naturschutz jedoch bislang oft nicht genug berücksichtigt. Verschiedene Studien zeigen, dass bereits geringe Betritthäufigkeiten deutliche Veränderungen in der Vegetationszusammensetzung hervorrufen können (vgl. Gheza et al., 2018; Jägerbrand & Alatalo, 2018). Besonders empfindlich reagieren Kryptogamen, deren Strukturen durch Abrieb und Verdichtung schon bei niedriger Belastung zerstört werden können.
Vor diesem Hintergrund zielte die vorliegende Arbeit darauf ab, experimentell zu untersuchen, wie unterschiedliche Betrittshäufigkeiten die Vegetation von Halbtrockenrasen im Nationalpark Thayatal beeinflussen.
Theoretischer Hintergrund
Betritt wirkt sowohl direkt durch mechanische Schädigung der oberirdischen Pflanzenteile als auch indirekt über Bodenverdichtung, Veränderungen der Wasserverfügbarkeit und mikroklimatische Effekte. Pflanzenarten unterscheiden sich stark in ihrer Empfindlichkeit: niederliegende Rosettenpflanzen und vegetativ regenerationsfähige Arten sind in der Regel tritttoleranter, während horstbildende Gräser und hochwüchsige Kräuter empfindlicher reagieren. Kryptogamen sind besonders gefährdet, da Moose und Flechten durch Abrieb und Verdichtung schnell zerstört werden können. Gleichzeitig können einige Pionierarten Betritt sogar nutzen, um konkurrenzstarke Arten zurückzudrängen. Ob eine Fläche resilient gegenüber Störungen ist, hängt davon ab, wie schnell Arten nach Betritt zurückkehren und welche Konkurrenzverhältnisse sich etablieren.
Methoden
Im Nationalpark Thayatal wurden auf ausgewählten (Halb-)Trockenrasenflächen experimentelle Transekte angelegt: 0, 2, 10 und 20x wurden vier unterschiedliche Transekte von jeweils 10m Länge begangen. Entlang dieser Transekten erfolgte eine detaillierte Vegetationsaufnahme, bei der Gefäßpflanzen, Moose und Flechten erfasst wurden. Neben Häufigkeit und Deckung wurden Veränderungen in Form von Neuauftreten und Verschwinden dokumentiert. Die Arten wurden außerdem nach Rote-Liste-Kategorien eingeordnet, um den Einfluss auf gefährdete Taxa zu bewerten. Zur statistischen Auswertung wurde eine polynominale Regression zweiten Grades gewählt, da sie die Krümmung der Daten-Beziehung zwischen Trittfrequenz und der logarithmischen Response-Ratio besser abbildet als eine einfache lineare Regression.
Ergebnisse
Insgesamt wurden 132 Arten nachgewiesen, davon waren 38 Moosarten, 11 Flechtenarten und 83 Gefäßpflanzenarten. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen deutlich, dass mit zunehmender Betrittfrequenz sowohl die Artenvielfalt als auch die Deckung von Gefäßpflanzen und Kryptogamen signifikant abnehmen. Dieser Rückgang ist besonders bei höheren Betrittfrequenzen (BF 10 und BF 20) ausgeprägt, bei denen über den Untersuchungszeitraum hinweg ein kontinuierlicher Verlust an Vegetation zu beobachten war. Damit bestätigen die Ergebnisse frühere Studien, die darauf hinweisen, dass Betritt ein entscheidender Faktor für die Veränderung und möglicherweise Degradierung empfindlicher Trockenrasenvegetation ist (Gheza et al., 2018; Järvenpää et al., 2023). Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für Managementmaßnahmen im Naturschutz, da sie verdeutlichen, dass bereits vergleichsweise geringe Betrittfrequenzen signifikante Auswirkungen auf die Vegetationszusammensetzung haben können.
Diskussion
Die Ergebnisse belegen, dass Betritt ein hochwirksamer Störungsfaktor ist, der bereits bei geringer Intensität zu gravierenden Veränderungen in der Artenzusammensetzung führt. Dies stimmt mit Befunden von Liddle (1997) und Cole (2004) überein, die ebenfalls zeigten, dass auch schon geringer Betrittstress signifikante Auswirkungen auf die Vegetation hat. In der vorliegenden Studie waren alle Gruppen, also Phanaerogamen sowie Kryptogamen, davon betroffen, ein Hauptaugenmerk liegt jedoch vor allem auf Kryptogamen, die als empfindlichste Gruppe betrachtet werden müssen. Ihr Rückgang bedeutet nicht nur einen Verlust an Artenvielfalt, sondern auch den Verlust ökologisch wichtiger Funktionen wie Bodenstabilisierung und Mikrohabitatbildung.
Für Gefäßpflanzen zeigte sich ein differenziertes Bild: während konkurrenzstarke Pionierarten von Betritt profitieren können, sind konkurrenzschwache oder empfindliche Arten stärker gefährdet. Damit erfüllt Betritt eine ambivalente Rolle: er kann einerseits in einem sehr geringen Grad Diversität fördern, indem er Nischen für neue Arten schafft, andererseits aber sensible Taxa verdrängen. Diese Beobachtung könnte zur Intermediate Disturbance Hypothesis (Conell, 1978) passen, einer grundlegenden ökologischen Hypothese, die besagt, dass bei mittlerem Stress die Artenvielfalt am höchsten ist. Allerdings ist hier kritisch zu hinterfragen, was „mittlerer Stress“ für Pflanzen beziehungsweise für uns Menschen bedeutet.
Die Studie verdeutlicht, dass schon geringe Betrittshäufigkeiten erhebliche Verluste verursachen. Insbesondere für den Schutz seltener Kryptogamen bedeutet dies, dass selbst scheinbar geringe Betrittfrequenzen nachhaltige Schäden verursachen kann.
Schlussfolgerung
Die experimentelle Untersuchung im Nationalpark Thayatal zeigt, dass Betritt eine zweischneidige Wirkung hat: während er in sehr geringen Dosen zur Dynamik und Etablierung von Pionierarten beitragen kann, führt er sehr schnell zu signifikanten Verlusten, insbesondere bei Kryptogamen ist das kritisch zu betrachten, allerdings auch bei Phynearogamen. Für das Management ergibt sich daraus die Notwendigkeit, sensible Bereiche konsequent vor Betritt zu schützen. Besucherlenkung, das Schaffen alternativer Angebote und Aufklärung, gezieltes Monitoring und eine differenzierte Bewertung der Störungsintensität sind zentrale Bausteine, um die wertvollen Trockenrasen im Nationalpark Thayatal langfristig zu erhalten. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zum besseren Verständnis der ökologischen Mechanismen von Betritt und liefert eine Grundlage für praxisorientierte Naturschutzstrategien.