Clara Horvath
„A gmahde Wiesn?“
Q-methodische Analyse zukünftiger Bewirtschaftungs- und Erhaltungsmöglichkeiten von Bergmähwiesen in Tirol
Theoretische Einführung
In Europa vollzieht sich ein anhaltender Rückgang der Arten- und Lebensraumvielfalt (Wezel et al., 2021), wofür die europäische Landwirtschaft als einer der zentralen Treiber gilt (Klebl et al., 2024). Die Landwirtschaft hat sich seit der Nachkriegszeit stark gewandelt (MacDonald et al., 2000). In den europäischen Alpen äußerten sich die landwirtschaftlichen Veränderungen durch den Rückgang produktionsschwacher Gebiete, zu denen vor allem halbnatürliche Wiesen zählen (Schirpke et al., 2017). Ein darunter besonders bedeutender halbnatürlicher Wiesentyp in Bergregionen ist die Bergmähwiese. Mit einer Artenanzahl von bis zu 89 Spezies pro Quadratmeter (Wilson et al., 2012) zählen die Bergmähwiesen zu den biodiversitätsreichsten Lebensräumen Europas (Burton and Riley, 2018). Neben ihrer ökologischen Funktion sind Bergmähwiesen von Bedeutung für die Lebensmittelproduktion sowie für die Bereitstellung kultureller Ökosystemdienstleistungen (Zoderer et al., 2016). Die Wichtigkeit der Bergmähwiesen ist europaweit anerkannt, und so sind sie in Europa durch den FFH-Status geschützt (European Commission, 2025). Trotz dieser Schutz- und Fördermaßnahmen bleiben die Bestände der Bergmähwiesen weiterhin bedroht (Ascaso et al., 2020; Burton and Riley, 2018). Im Kontext der Bergmähwiesen existieren bislang wenige Forschungsarbeiten, die systematisch gesellschaftliche, politische und institutionelle Perspektiven auf Bewirtschaftungs- und Erhaltungsmöglichkeiten von Bergmähwiesen erheben. Aus den dargestellten Problemstellungen ergaben sich für die Masterarbeit folgende Forschungsfragen:
F1: Welche unterschiedlichen Sichtweisen lassen sich mit der Q-Methode zu den Bewirtschaftungs- und Erhaltungsmöglichkeiten von Bergmähwiesen in der Fallstudienregion Tirol identifizieren?
F2: Welchen Stellenwert haben die kulturellen Ökosystemdienstleistungen in den identifizierten Sichtweisen zu Bewirtschaftungs- und Erhaltungsmöglichkeiten von Bergmähwiesen?
Daten und Methodik
Die Datenerhebung der Masterarbeit konzentrierte sich auf das Bundesland Tirol. Auf Grundlage eines Stakeholder-Mappings im Tannheimer Tal wurden insgesamt 25 Personen für die Untersuchung ausgewählt. Das Tannheimer Tal wurde als Fallstudienregion gewählt, da sich dort das Naturschutzgebiet Vilsalpsee befindet (Amt der Tiroler Landesregierung, 2025) und die Region aufgrund des Schutzes von Bergmähwiesen im Rahmen der FFH-Richtlinie ein geeignetes Beispiel darstellt. Zur Datenerhebung wurde die semiquantitative Q-Methode eingesetzt, die für den Naturschutz erhebliches Potential bietet, unterschiedliche Perspektiven zu erfassen. Bei der Q-Methode werden Personen gebeten, ausgearbeitete Statements (Sammlung von Aussagen) nach deren persönlicher Zustimmung ein Ranking zuzuteilen. Die in dieser Studie verwendeten 49 Statements wurden auf Grundlage einer umfassenden Literaturanalyse zum Themenfeld Bergmähwiesen entwickelt. Sie bezogen sich auf die Leitfrage: „Was ist für die Zukunft von Bergmähwiesen wichtig?“. Die anschließende statistische Auswertung wurde mit dem Statistikprogramm R durchgeführt. Es wurde hierbei eine Hauptkomponentenanalyse gewählt. Die Hauptkomponentenanalyse eignet sich gut, unterschiedliche Sichtweisen zu einem Thema, in diesem Fall die Zukunft der Bergmähwiesen, zu identifizieren und zu strukturieren (Watts and Stenner, 2012).
Ergebnisse
Mithilfe der semiquantitativen Q-Methode ließen sich drei Sichtweisen auf die zukünftige Bewirtschaftung von Bergmähwiesen extrahieren. Diese unterteilten sich in die „marktorientierte“, die „kooperative“ und die „autonomieorientierte“ Sichtweise. Die „marktorientierte“ Sichtweise betonte insbesondere die Notwendigkeit struktureller Veränderungen des Lebensmittelmarktes sowie, dass es nur durch wirtschaftlichen Nutzen der Wiesen zu einer Bewirtschaftung von Bergmähwiesen kommt. Die „kooperative“ Sichtweise unterschied sich wiederum durch den Fokus auf sektorübergreifende Zusammenarbeit von Akteur*innen aus Tourismus, Naturschutz und Politik. Für die „autonomieorientierte“ Sichtweise ist die Bewirtschaftung der Bergmähwiesen vor allem von familiären Arbeitskräften bestimmt sowie durch intrinsische Werte gesteuert.
Ergänzend wurden die kulturellen Ökosystemdienstleistungen in den erhobenen Sichtweisen deutlicher dargestellt. Die Ergebnisse zeigten, dass kulturelle Ökosystemdienstleistungen für die Zukunft der Bergmähwiesen von Bedeutung sein können, vor allem das traditionelle Erfahrungswissen der Bewirtschafter*innen und die traditionellen Formen der Landwirtschaft. Jedoch besitzen Faktoren wie das kulturelle Erbe der Wiesen oder die traditionellen Werte als Motivationstreiber für den Erhalt im Vergleich nur wenig Bedeutung. Vor dem Hintergrund des Rückgangs der kulturellen Ökosystemdienstleistungen in Bergregionen und des hohen ästhetischen Wertes von Bergmähwiesen für die Gesellschaft sollten kulturelle Aspekte bei der Ausarbeitung zukünftiger Erhaltungsstrategien dennoch stärker berücksichtigt werden.
Schlussfolgerung
Aufgrund des ungünstigen Erhaltungszustandes der Bergmähwiesen in Europa ist es von Wichtigkeit, potenzielle Strategien für ihren Erhalt zu entwickeln. Die Ergebnisse der Q-Studie zeigen, dass es keine einheitliche Perspektive auf die zukünftigen Erhaltungsmöglichkeiten der Bergmähwiesen gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl von differenzierten Ansätzen existiert. In der gemeinsamen Betrachtung aller Sichtweisen wird deutlich, dass die Flexibilität in der Bewirtschaftung und die differenzierte Ausgestaltung von Erhaltungsmaßnahmen die zentralen Faktoren für die langfristige Bewahrung von Bergmähwiesen darstellen. In Zukunft müssen politische Strategien zusätzlich flexibler und differenzierter gestaltet werden, um den Bedürfnissen, Rahmenbedingungen und Zielvorstellungen der verschiedenen Akteur*innen gerecht zu werden.
Quellen
Amt der Tiroler Landesregierung, 2025. Naturschutzgebiete [WWW Document]. Schutzgebiete Tirol. URL https://www.tiroler-schutzgebiete.at/schutzgebiete/naturschutzgebiete/ (accessed 11.10.25).
Ascaso, J., Reiné, R., Barrantes, O., 2020. Evolution of Hay Meadows between 1956, 1986, and 2016 and Its Relation to the Characteristics and Location of the Parcels in the Valley of the River Esera (Pyrenees, Spain). Agronomy 10, 329. https://doi.org/10.3390/agronomy10030329
Burton, R.J.F., Riley, M., 2018. Traditional Ecological Knowledge from the internet? The case of hay meadows in Europe. Land Use Policy 70, 334–346. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2017.10.014
European Commission, 2025. EU measures to conserve Europe’s wild flora and fauna [WWW Document]. Habitats Dir. URL https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive_en (accessed 10.7.25).
Klebl, F., Feindt, P.H., Piorr, A., 2024. Farmers’ behavioural determinants of on-farm biodiversity management in Europe: a systematic review. Agric. Hum. Values 41, 831–861. https://doi.org/10.1007/s10460-023-10505-8
MacDonald, D., Crabtree, J.R., Wiesinger, G., Dax, T., Stamou, N., Fleury, P., Gutierrez Lazpita, J., Gibon, A., 2000. Agricultural abandonment in mountain areas of Europe: Environmental consequences and policy response. J. Environ. Manage. 59, 47–69. https://doi.org/10.1006/jema.1999.0335
Schirpke, U., Kohler, M., Leitinger, G., Fontana, V., Tasser, E., Tappeiner, U., 2017. Future impacts of changing land-use and climate on ecosystem services of mountain grassland and their resilience. Ecosyst. Serv. 26, 79–94. https://doi.org/10.1016/j.ecoser.2017.06.008
Watts, S., Stenner, P., 2012. Doing Q Methodological Research: Theory, Method and Interpretation. SAGE Publications Ltd, 1 Oliver’s Yard, 55 City Road, London EC1Y 1SP United Kingdom. https://doi.org/10.4135/9781446251911
Wezel, A., Stöckli, S., Tasser, E., Nitsch, H., Vincent, A., 2021. Good Pastures, Good Meadows: Mountain Farmers’ Assessment, Perceptions on Ecosystem Services, and Proposals for Biodiversity Management. Sustainability 13, 5609. https://doi.org/10.3390/su13105609
Wilson, J.B., Peet, R.K., Dengler, J., Pärtel, M., 2012. Plant species richness: the world records. J. Veg. Sci. 23, 796–802. https://doi.org/10.1111/j.1654-1103.2012.01400.x
Zoderer, B.M., Tasser, E., Erb, K.-H., Lupo Stanghellini, P.S., Tappeiner, U., 2016. Identifying and mapping the tourists perception of cultural ecosystem services: A case study from an Alpine region. Land Use Policy 56, 251–261. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2016.05.004