Julia Rode
Die Ruhe vor dem Schuss
Untersuchung und Vermittlung der Notwendigkeit der Jagd in österreichischen Großschutzgebieten
Einleitung und Stand des Wissens
Das Wildtiermanagement in österreichischen Nationalparken bewegt sich in einem permanenten Spannungsfeld zwischen internationalem Prozessschutz und realem Ökosystemschutz: Prozessschutz (nach IUCN1): Schreibt vor, dass mindestens 75 % der Schutzgebietsfläche frei von menschlichen Eingriffen bleiben müssen. Ökosystemschutz: Hohe Bestände an Schalenwild (wie Reh-, Rot- und Wildschweinbestände) gefährden durch Verbiss- und Schälschäden die Baumartenvielfalt sowie die natürliche Waldverjüngung2. Daher wird die Jagd institutionell als strategisches Management- und Steuerungstool eingesetzt, das primär als Ersatz für das Fehlen großer Beutegreifer dient. Die natürliche Rückkehr dieser Prädatoren (wie Wolf oder Luchs) wird jedoch durch illegale Abschüsse und eine mangelnde Akzeptanz innerhalb der Jägerschaft aktiv erschwert3.
Hypothesen
H1: Aus Sicht der Großschutzgebiete fördert eine effiziente, störungsarme Art des jagdlichen Managements den Prozessschutz, Jagdruhe kann jedoch durch die begrenzte Fläche von Großschutzgebieten und das Fehlen natürlicher Prädatoren zu ökologischen Ungleichgewichten wie Überpopulationen führen, die das Ökosystem belasten.
H2: Die Aufklärung über die Aufgabe der Jagd in Schutzgebieten besitzt beim jeweiligen Management einen hohen Stellenwert.
H3: Die Aufgabe und Notwendigkeit der Jagd wird in den vom Schutzgebiet herausgegebenen Informationsmedien gesondert vermittelt.
Methodik
Die Untersuchung stützt sich auf einen dreigliedrigen methodischen Ansatz:
- Qualitative Literatursuche: Durchführung einer qualitativen Literaturrecherche sowie einer Analyse der grauen Literatur.
- Leitfadengestützte Fachinterviews: Zur Erhebung nicht öffentlich zugänglicher Daten wurden qualitative Interviews geführt. Es wurden 12 Fachinterviews mit Personen aus dem Management der Nationalparke durchgeführt (zwischen August und September 2025). Da die Jagd ein sensibles Thema ist, wurden Simultanprotokolle erstellt statt Tonaufnahmen, um die Offenheit der Befragten zu fördern. Die Interviews wurden mittels themenzentrierter Auswertung und qualitativer Inhaltsanalyse (nach Mayring4) verarbeitet.
- Analyse der Nationalpark-Websites: Eine strukturierte Untersuchung der sechs offiziellen österreichischen Nationalpark-Websites in zwei Durchgängen (Juni 2025 und Februar 2026) ermöglichte die Bewertung der Informationszugänglichkeit. Die Analyse erfolgte mittels einer skalierenden Strukturierung nach Mayring4. Untersucht wurden unter anderem die Auffindbarkeit des Themas Jagd (Klicktiefe), die Trefferanzahl spezifischer Schlagworte (z. B. „Wildregulierung“) in der Suchleiste sowie die Verfügbarkeit von Managementplänen als Download.
Zentrale Ergebnisse
- Traditionelle statt effiziente Jagdpraxis: Die real praktizierten Jagdmethoden sind in den Schutzgebieten oft nach wie vor stark von traditionellen Ansätzen geprägt. Sie arbeiten nicht zwingend effizient im Sinne eines modernen, dynamischen Schutzgebietsmanagements.
- Kommunikations- und Transparenzdefizite: In der Wissensvermittlung der Nationalparke existieren keine einheitlichen Standards. Die Notwendigkeit des Managements wird der Öffentlichkeit oft nicht ausreichend oder transparent dargelegt.
Handlungsempfehlungen und Maßnahmen
Um den Anforderungen moderner Großschutzgebiete gerecht zu werden, müssen Maßnahmen auf drei Ebenen ansetzen:
Jagdmethoden optimieren
- Weg vom Einzelansitz hin zur Intensivierung von Bewegungsjagden nach der Strategie der Intervalljagd, um den Jagddruck zeitlich zu konzentrieren und Störeffekte zu minimieren.
- Konsequenter Rückbau jagdlicher Infrastruktur, vor allem in den ausgewiesenen Naturzonen/Kernzonen.
- Verpflichtende und flächendeckende Nutzung von bleifreier Munition.
Wissensvermittlung & Digitalisierung
- Optimierung der Nationalpark-Websites durch eine geringe Klicktiefe.
- Standardisierte Einbindung der 5 strategischen W-Fragen auf der Homepage (Warum braucht es Wildtiermanagement im NP? Wer jagt im NP? Welche Tiere werden reguliert? Wie wird der Erfolg der Regulierung gemessen? Wo (auf wie viel % der Fläche oder in welchen Zonen) wird reguliert?).
- Ergänzung des Informationsangebots durch interaktive Formate für die digitale Wissensvermittlung.
Soziale Integration
- Förderung eines neuen, naturschutzorientierten Selbstverständnisses der Jagenden.
- Aktive Aufklärungsarbeit zur Erhöhung der Akzeptanz, um die Rückkehr großer Beutegreifer konstruktiv zu unterstützen.
Diskussion: Das „Prädatoren-Paradoxon“
Die illegale Verfolgung und die mangelnde Akzeptanz von Prädatoren machen die menschliche Regulation künstlich dauerhaft notwendig. Zusätzlich erschweren das Festhalten an traditionellen, ineffizienteren Jagdmethoden sowie eine behördliche Intoleranz gegenüber einem „Nullabschuss“ den Übergang der Jagd in Nationalparken zu einem rein temporären Managementwerkzeug. Das langfristige Ziel der Selbstregulierung des Ökosystems lässt sich nur durch einen transparenten, ehrlichen Dialog aller Beteiligten erreichen.
Literatur (Auswahl)
1) IUCN (1994): Richtlinien für Management-Kategorien von Schutzgebieten. Föderation der Natur- und Nationalparke Europas.
2) Ammer, C., & Bartsch, N. (Hrsg.). (2010). Der Wald-Wild-Konflikt: Analyse und Lösungsansätze vor dem Hintergrund rechtlicher, ökologischer und ökonomischer Zusammenhänge. Univ.-Verl.
3) Ablinger, M. (2023). Konfliktherd Wolf: Schießen, schaufeln, schweigen. Profil. https://www.profil.at/oesterreich/konfliktherd-wolf-schiessen-schaufeln schweigen/402522853
4) Mayring, P. (2003): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (8. Aufl.). Beltz.