Angela Deutsch
Naturparke als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 2030?
Eine Auseinandersetzung mit den Sustainable Development Goals in den Burgenländischen Naturparken
Der Verband der Österreichischen Naturparke hat im Jahr 1995 mit dem 4 Säulen-Modell nicht nur die vier Aufgabenbereiche von Naturparken definiert, sondern auch das übergeordnete Ziel der Etablierung der österreichischen Naturparke als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung festgeschrieben. Auch die sechs burgenländischen Naturparke haben dieses übergeordnete Ziel in ihren Managementplänen verankert. Ebenso ist die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung als eine von mehreren Aufgaben von Naturparken im burgenländischen Naturschutz- und Landschaftspflegegesetz definiert. Gleichzeitig wurde im September 2015 die Agenda 2030 von den Vereinten Nationen verabschiedet, deren Kernelement 17 globale Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Golas / SDGs) umfasst. Als Mitgliedstaat der Vereinten Nationen hat sich auch Österreich zur Umsetzung der 17 SDGs bis zum Jahr 2030 verpflichtet. Mit dem durch Österreich vertretenen Mainstreaming-Ansatz einerseits sind alle Ministerien damit beauftragt die SDGs in ihren Strategien und Aktionsplänen zu integrieren, mit dem Multi-Stakeholder-Ansatz andererseits wird die Zusammenarbeit mit allen relevanten Interessensgruppen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft für die Umsetzung der Ziele der Agenda 2030 forciert. Die Umsetzung der Agenda 2030 betrifft damit alle Politik- und Verwaltungsebenen und setzt ein Zusammenwirken aller relevanten Stakeholder voraus.
Die vorliegende Forschungsarbeit widmet sich daher am Beispiel der sechs burgenländischen Naturparke einerseits der Frage, inwieweit Naturparke zur Umsetzung der 17 SDGs beitragen und andererseits, ob diese Ziele Naturparke in ihrem Wirken als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung unterstützen und ihnen als Werkzeug für die eigene Weiterentwicklung nützlich sein können. Dafür wurden die Managementpläne der burgenländischen Naturparke nach einschlägigen Begriffen untersucht und die darin verankerten Naturparkziele und Maßnahmen mit den 17 SDGs verknüpft. Darüber hinaus wurden qualitative Interviews mit 13 Naturpark-Expert:innen geführt. Dabei konnte aufgezeigt werden, dass die Naturparke schon heute zur Umsetzung des Großteils der SDGs beitragen und damit durchaus relevante Stakeholder für die Umsetzung der Agenda 2030 darstellen, auch wenn sie als solche bis jetzt nicht wahrgenommen werden und sich die Naturparke selbst noch nicht näher mit den SDGs befasst haben. Gleichzeitig fehlt ein gemeinsames Bild davon, was eine Modellregion für nachhaltige Entwicklung ausmacht, ebenso eine gemeinsame, klar definierte Vision, wohin sich die Naturparke bis zum Jahr 2030 entwickeln sollen. Werden die SDGs als Ziele für nachhaltige Entwicklung definiert, könnten Modellregionen für nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 2030 als Regionen verstanden werden, in denen die Umsetzung dieser Ziele mittels innovativer Projekte modellhaft erprobt, Erfahrungen gesammelt und das generierte Wissen für andere Akteur:innen zur Verfügung gestellt wird. Gleichzeitig gilt es als Modellregion für nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 2030 eine Vorbildrolle einzunehmen und die SDGs auch für die eigene Organisationsentwicklung sowie die Ausgestaltung von Projekten zu nutzen, um ganzheitliches Handeln und eine nachhaltige Ausrichtung der Naturparke sicherzustellen. Für die Verwirklichung dieser Aufgaben braucht es allerdings auch auf politischer Ebene ein Bekenntnis zur Agenda 2030 und die Bereitstellung entsprechender finanzieller Ressourcen. Gleichzeitig können SDGs aber auch dabei unterstützen, einerseits neue Finanzierungsquellen zu erschließen und andererseits ganzheitlich und damit langfristig kosteneffizient zu arbeiten.
Darüber hinaus bieten die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und Soziales – miteinander vernetzen, das Potential Naturparke in ihrer Arbeit, die sich ebenso durch ein vernetztes Denken von Naturschutz, Erholung, Bildung und Regionalentwicklung auszeichnet, zu unterstützen. Anhand von in den Interviews genannten Herausforderungen und notwendigen Schritten konnte aufgezeigt werden, dass die SDGs wertvolle Werkzeuge für die Naturparkverantwortlichen darstellen können, die die ganzheitliche Projektentwicklung, eine nachhaltige Entscheidungsfindung oder die Kooperation verschiedener Akteur:innen in der Region anregen und unterstützen können. Eine solche Vernetzung der regionalen Player wird nicht nur von der damaligen Umweltlandesrätin Astrid Eisenkopf als Voraussetzung für eine erfolgreiche nachhaltige Entwicklung genannt, sondern ist in den Managementplänen auch als wesentliche Aufgabe von Naturparken verankert. Eine Implementierung der SDGs in die Naturparkarbeit könnte deren Position als Motoren einer nachhaltigen Entwicklung im ländlichen Raum unterstützen und gleichzeitig das Profil der Naturparke gegenüber den mit sehr ähnlichen Aufgaben betrauten Biosphärenparks schärfen. Mit ihrer von den Expert:innen als vorrangig bezeichneten Aufgabe des Natur- bzw. Kulturlandschaftsschutzes könnten Naturparke zu relevanten Vertretern des Konzepts der ökologischen bzw. starken Nachhaltigkeit werden und dieses durch ihre Nähe zu den Gemeinden und der Bevölkerung vor Ort lokal verankern.
Das SDG-Mapping sowie die Aussagen aus den Expert:inneninterviews haben gezeigt, dass die Naturparke Maßnahmen und Aktivitäten setzen, die Beiträge zu zahlreichen SDGs leisten, vor allem zu jenen, bei denen sowohl laut Sustainable Development Report des Sustainable Development Solutions Network als auch laut dem 2. Freiwilligen Nationalen Bericht zur Umsetzung der Agenda 2030 in Österreich (FNU) der größte Nachholbedarf für Österreich besteht. Allerdings werden sie nicht als solche kommuniziert. Werden die SDGs in die Naturparkarbeit integriert und die Beiträge der Naturparke für die Umsetzung der Agenda 2030 nach außen kommuniziert, könnte das die Rolle der Naturparke als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung stärken. Herausforderungen dabei stellen die finanzielle und personelle Ausstattung der Naturparke sowie das teilweise noch geringe Bewusstsein für die Agenda 2030 und die Bedeutung der SDGs für die Region und die darin lebenden Menschen dar. Es braucht demnach begleitende Bewusstseinsbildung der Menschen vor Ort. Bei dieser und weiteren Aufgaben können die Naturparke die SDGs als unterstützende Werkzeuge nutzen. So können Projekte und Initiativen mit Hilfe der SDGs begutachtet werden, um Zielkonflikte, aber auch Synergien zu identifizieren – zum Beispiel Naturschutzmaßnahmen, die auch die Anpassung an den Klimawandel unterstützen und die Gesundheit der Menschen vor Ort fördern. Dieses Wissen kann auch für die Kommunikation mit der Bevölkerung genutzt werden, um den Nutzen der Naturparkaktivitäten zu vermitteln und dabei die verschiedenen Werte und Bedürfnisse der Menschen anzusprechen. So kann es auch gelingen neue Partner:innen für die Freiwilligenarbeit oder auch das Sponsoring zu gewinnen. Ob die Bezeichnung „SDG“ sich zur Kommunikation nach außen wirklich eignet oder nicht besser die deutsche Bezeichnung „Nachhaltigkeitsziele“ – oder ein anderer einschlägiger Begriff – verwendet wird, ist sicherlich zu hinterfragen.
Regionale Akteur:innen, die sich der SDG-Umsetzung verschreiben, bedeuten nicht zuletzt eine Chance für Land und Bund die Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele voranzutreiben, insbesondere wenn sich diese Akteur:innen miteinander vernetzen und kooperativ an der Umsetzung der Agenda 2030 und damit an einer lebenswerten Zukunft für alle arbeiten.