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Foto: goodluz/fotolia

Masterarbeit von Josefine Höfler

Habitat requirements of rare grasshopper species in a near-natural floodplain ecosystem in the Northern Alps (Tyrol, Austria)

Angesichts des extremen globalen Verlusts der biologischen Vielfalt befindet sich die Erde in einem sechsten Massensterben. Besonders beunruhigend ist der Rückgang der Insektenfauna. Dieser wird hauptsächlich durch die Veränderungen und Zerstörungen der Habitate verursacht. Der Habitatverlust ist der Hauptgrund für den kritischen Zustand mehrerer spezialisierter Insekten, die an den Kiesbänken wilder Alpenflüsse leben. In der Vergangenheit wurden viele Alpenflüsse wasserbaulich verändert. Die Regulierung von Fließgewässern führte zur Einschränkung der natürlichen Dynamiken wie Überflutungen und Umlagerungen. Darüber hinaus stellen Kiesentnahmen, das Betreten der Kiesbänke sowie fortschreitende Sukzession eine Bedrohung dieser Lebensräume dar. Einst verbundene Habitate sind durch Barrieren wie Dämme oder Stauseen voneinander getrennt. Dies führte zur Isolation von Heuschrecken-populationen. Daher sind die Gefleckte Schnarrschrecke (Bryodemella tuberculata), der Kiesbank-Grashüpfer (Chorthippus pullus), die Türks Dornschrecke (Tetrix tuerki) und die Rotflügelige Schnarrschrecke (Psophus stridulus) in Österreich stark gefährdet. Während die Käferfauna des Rißbachs untersucht wurde, wurden hier bisher keine Untersuchungen zur Heuschreckenfauna und deren Lebensraumpräferenzen durchgeführt. Ziel dieser Arbeit war es, den Rißbach nach diesen gefährdeten Heuschrecken abzusuchen und die Habitatpräferenzen der vier Heuschreckenarten festzustellen. Außerdem sollte der Zustand der Metapopulation von Bryodemella tuberculata am Rißbach untersucht werden. Aus diesen Ergebnissen werden Empfehlungen für ein praktisches Naturschutzmanagement des Naturpark Karwendels abgeleitet, die darauf abzielen, diese Lebensräume und damit das Überleben dieser spezialisierten und seltenen Arten am Rißbach zu verbessern und zu erhalten.

 

Methodik

Im Sommer 2018 wurde daher im Tiroler Teil des Rißbachs von "Oswaldhütte" bis "Hagelhütten" eine Untersuchung der vier bedrohten Heuschreckenarten und deren Lebensraumpräferenzen durchgeführt. Die Arten wurden auf den 23 Untersuchungs-flächen sowie außerhalb der Flächen kartiert, indem die Kiesbänke schleifenförmig abgegangen wurden. Außerdem wurde die Vegetation auf den Flächen kartiert, die Lebensraumtypen der EU-Habitatrichtlinie bestimmt, sowie Eigenschaften über Substrat, Körnung, Vegetation und Position der Flächen dokumentiert. Anschließend wurde für jede Heuschreckenart eine multiple lineare Regression mit dem Programm R berechnet. Dabei wurden die Variablen der verschiedenen Habitatparameter gegen die Abundanz der Heuschrecken getestet.

 

Ergebnisse & Diskussion

Insgesamt konnten vom 24. - 30. Juli 2018 228 Heuschrecken entdeckt werden, von denen 120 Beobachtungen auf den Untersuchungsflächen gemacht wurden. Vom 27. - 29. August 2018 konnten 149 Heuschrecken gefunden werden, von denen 113 Funde auf den Untersuchungsflächen notiert wurden. Der Lebensraumtyp 3220 „Alpine Flüsse mit krautiger Ufervegetation“ war vorherrschend wobei auch der Lebensraumtyp 3240 „Alpine Flüsse mit Ufergehölzen von Salix eleagnos“, sowie der Lebensraumtyp 3230 „Alpine Flüsse mit Ufergehölzen von Myricaria germanica“ auf den Flächen vorkam. Neben den Pflanzengesellschaften Salici-Myricarietum und Chondrilletum chondrilloides kam auch die Gesellschaft Juncetum alpino-articulati vor.

Die Türks Dornschrecke saß signifikant vermehrt auf von Bächen durchzogenen Flächen mit hohem Grobstein- und Feinsedimentanteil, sowie Flächen mit hoher Pioniersträucher- und Kräuterdeckung. Diese Art präferierte die Pflanzengesellschaft Juncetum alpino-articulati, da sie auf feuchten, schlammigen Bereichen der Kiesbank auftritt und die Türks Dornschrecke sich hier wohlfühlt. Diese Pflanzengesellschaft schien auch attraktiv für den Kiesbank-Grashüpfer zu sein, da er gerne an Arten wie Molinia caerulea and Carex frisst. Chorthippus pullus bevorzugte zudem signifikant die offenen, steinigen und sonnigen Untersuchungsflächen wegen des günstigen Mikroklimas. Die Gefleckte Schnarrschrecke bevorzugte am Rißbach signifikant Flächen mit höherer Vegetationsbedeckung. Diese Beobachtung kann dadurch erklärt werden, dass eine höhere Vegetationbedeckung auf den Untersuchungsflächen am oberen Flusslauf auftraten und hier eine bessere Konnektivität zwischen den verschiedenen Kiesbänken besteht. Dadurch können die Subpopulationen der Gefleckten Schnarrschrecke der verschiedenen Kiesbänke bei Hochwasser besser ausweichen und die Barrieren zwischen den Kiesbänken öfter überwunden werden als die weiter auseinanderliegenden Kiesbänke des unteren Flusslaufs. Genetischer Austausch ist hier einfacher als am unteren Flusslauf, da die Kiesbänke miteinander verbunden sind. Die Vermutung liegt nahe, dass am Rißbach zwei voneinander abgeschnittene Metapopulationen der Gefleckten Schnarrschrecke auftreten: Eine im Bayerischen Teil des Rißbachs und eine im Tiroler Teil des Rißbachs. Diese Metapopulationen sind durch den schluchtartigen Teil des Rißbachs und einen Damm auf Höhe der Oswaldhütte voneinander abgeschnitten, ein genetischer Austausch würde nur selten durch Unfälle wie Verdriften stattfinden können. Die Rotflügelige Schnarrschrecke bevorzugte die höher gelegenen Bereiche der Kiesbank, die an die offenen, häufig überschwemmten Bereiche der Kiesbank grenzten. Diese waren gekennzeichnet durch spätere Sukzessionsstadien mit dichtem Grasbewuchs und lichtem Kiefern – und Heidegebüsch. Die multiple Regression ergab für diese Art ein nicht signifikantes Ergebnis, da zu wenig Individuen auf den Untersuchungsflächen direkt auf den Kiesbänken gefunden wurden.

 

Praktisches Management

Empfehlungen für das Naturschutzmanagement des Naturparks Karwendel beinhalten die enge Zusammenarbeit zwischen dem Naturpark und lokalen Kajakvereinen, Landwirten, Fischern und Freizeitnutzern. Dies begünstigt ein respektvolles und vorsichtiges Verhalten rund um die empfindlichen Ökosysteme der Kiesbänke. Gut gestaltete Hinweisschilder über das Ökosystem der Kiesbänke auf den Parkplätzen entlang des Rißbachs können das Bewusstsein der Besucher schärfen. Umweltbildungsprogramme, die insbesondere auf diese Ökosysteme abzielen, könnten entwickelt und umgesetzt werden. Das Einzäunen sensibler Bereiche zum Schutz des Flussuferläufers kommen auch den gefährdeten Heuschrecken zu Gute. Dieses Einzäunen sollte nicht vernachlässigt werden, damit das Weidevieh weiterhin vom Betreten der Kiesbänke gehindert wird. Da die Gefleckte Schnarrschrecke als Indikatorart dient, würde ein alpenweites Monitoring dieser Art nicht nur Auskunft über ihren Zustand, sondern auch den vieler weiterer spezialisierter Arten der Kiesbank-fauna geben.

 

Download

Die Masterarbeit "Habitat requirements of rare grasshopper species in a near-natural floodplain ecosystem in the Northern Alps (Tyrol, Austria)" (2019) von Josefine Höfler wurde an der Universität Innsbruck an dem Institut für Ökologie verfasst und kann hier heruntergeladen werden (PDF-Download: 6,1 MB).

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