Tagung - Betreten erlaubt - Integrativ dynamischer Naturschutz

Betreten erlaubt! Integrativ dynamischer Naturschutz in Naturparken
Die Oö. Akademie für Umwelt und Natur und der Verband der Naturparke Österreichs luden von 20. bis 21. Mai 2010 in den Naturpark Mühlviertel. FachexpertInnen aus dem In- und Ausland diskutierten über erfolgreiche Strategien und Voraussetzungen für eine integrativ dynamische Naturschutzarbeit sowie über erfolgreiche Beispiele aus den Naturparken mit den über 40 TeilnehmerInnen.
Hannes Kunisch (Oö. Akademie für Umwelt und Natur) eröffnete die Tagung in Rechberg und stellte die Herausforderungen und Anforderungen des hoheitlichen Naturschutzes dar. Da dieser bezüglich seiner gesellschaftlichen Akzeptanz, als auch hinsichtlich seiner naturschutzfachlichen Zielerreichung immer wieder an Grenzen stößt, bedarf es geeigneter Naturschutzstrategien. Bürgermeister und Obmann Johann Thauerböck und Geschäftsführerin Barbara Derntl des Naturparks Mühlviertel führten die TeilnehmerInnen in dieses Landschaftsschutzgebiet ein, dessen reich gegliederte kleinräumige Kulturlandschaft viele naturkundliche Besonderheiten, wie Wackelsteine und Blockburgen, bietet. Ihr deklariertes Hauptziel ist die Offenhaltung der wertvollen, von Verwaldung bedrohten Mager- und Feuchtwiesen. Um dieses Ziel zu erreichen, steht Kommunikation im Naturpark an erster Stelle. Franz Handler (Verband der Naturparke Österreichs) stellte die Studie „Neue Modelle des Natur- und Kulturlandschaftsschutzes in Österreichischen Naturparken“ vor. Diese zeigt mit über 40 praktischen Beispielsprojekten, wie sich die Naturparke in ihrer Arbeit den Anforderungen des integrativen Naturschutzes stellen.
Die steirische Umweltanwältin Ute Pöllinger ist neben der Parteistellung in Naturschutzverfahren auch Beschwerdestelle wegen behaupteter Verletzungen wesentlicher Umweltangelegenheiten. Viele Vorhaben beanspruchen denselben Naturraum und bringen dieselbe Naturschutzproblematik mit sich. Um solchen Problemstellungen adäquat begegnen zu können, ist es für sie erforderlich, Strategien zu entwerfen, die über das konkrete Einzelvorhaben hinausgehen.
![]() Norbert Weixlbaumer: Gäste erwarten von den Naturparken Naturschutzkompetenz |
Norbert Weixlbaumer vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien sieht Großschutzgebiete als Impulsgeber für Ländliche Räume – insbesondere Naturparke mit ihrem integrativen Entwicklungskonzept. Den grundlegenden Erfolgsfaktor stellt die Dynamik der Schutzgebietspolitik von der Glassturz-orientierten Landschaftserhaltung hin zu einem integrierten Gestaltungs-Management von Landschaften dar. |
![]() „Durch den schnellen Wandel ist die Zukunft nicht mehr das, was sie einmal war“ (Pierre L. Ibisch) |
Pierre L. Ibisch (Fachhochschule Eberswalde, Fachgebiet Naturschutz) spricht den Naturparken das Potenzial als Anker und „Kristallisationskerne“ des Naturschutzes in der Gesamtlandschaft zu, obwohl sie oft von relevanten Akteuren fast ausschließlich als touristische Marken angesehen werden. Für ihn besteht die Herausforderung darin, alle lokalen Akteure an der Erarbeitung der Zielsetzung sowie der weiteren Elemente des Schutzgebietsmanagements partizipieren zu lassen. |
Mit den zunehmenden flächenhaften und flächendeckenden Bestrebungen im Naturschutz – nicht zuletzt durch die Natura 2000-Richtlinien – reicht Mark Ressel (grünes handwerk – büro für angewandte ökologie) ein „von oben“ diktierter Naturschutz nicht aus, um die notwendige Akzeptanz bei den Umsetzern zu erreichen. Naturschutz ist für ihn eine klassische Querschnittsmaterie, in der der Mensch als entscheidender Erfolgsfaktor wahrgenommen und einbezogen werden muss.
Schon sehr früh wurden im nunmehrigen Naturpark Weißensee die mit der Verwaldung verbundenen negativen Auswirkungen auf den Tourismus erkannt. Bereits 1995 reagierte die Gemeinde mit dem „Weißenseer Modell der Ökologischen Flächenbewirtschaftung“, berichtete Robert Heuberger vom Regionalmanagement Kärnten. Dabei werden finanzielle Mittel aus den Einnahmen der Gemeinde durch die Kurtaxe zur Abgeltung der Arbeit der LandwirtInnen für die Freihaltung der Wiesen und Almen herangezogen.
![]() Für Josef Limberger ist die Bewusstseinsbildung bei Kindern und Jugendlichen ein vorrangiges Ziel |
Das Gemeinschaftsprojekt „Lebensraum Naturpark Obst-Hügel-Land“ von Naturschutzbund Oberösterreich und Naturpark Obst-Hügel-Land vereint vertragliche und bewusstseinsbildende Maßnahmen zur Erhaltung und Sicherung der Streuobstwiesen und anderer wichtiger Strukturen der Kulturlandschaft, berichtete Josef Limberger (Naturschutzbund Oberösterreich). |
Ein Bild der Welt im Wandel zeichnete Richard Bauer (Österreich Werbung). In folgenden Kernkompetenzen sieht er für naturnahe Angebote die größten Chancen zur erfolgreichen Wettbewerbs-Differenzierung: Natur, Kultur, Kulinarik, Regeneration und der Begegnung. Der Trend in Richtung Abkehr von künstlichen Erlebniswelten hält an, ein Großteil der BesucherInnen will keine errichteten Highlights, sondern möglichst intakte Natur genießen.
Bernard Goršak (Park Goričko) geht zur Erhaltung der Streuobstwiesen oft verschlungene Wege. So plädiert er z.B. nicht vordergründig für Maßnahmen zum Schutz des Wendehalses, sondern macht einen Umweg über die Steigerung der Wertschöpfung. Die Investitionen, u.a. in eine Baumschule und eine mobile Pressanlage sowie eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit zeitigen ihren Erfolg und ziehen weitere innovative Folgeprojekte nach sich.
![]() „Kommunikation ist nicht nur Informationsarbeit, sondern der Austausch von Anliegen und Ideen“ (Franz Handler) |
Die Naturschutzmodelle in Deutschland, Luxemburg, Slowenien, Österreich und der Schweiz standen bei Franz Handler (Verband der Naturparke Österreichs) im Vergleich. Er benennt die Naturparke als vor Ort verankerten und vernetzten Ansprechpartner und damit auf regionaler Ebene ideales Instrument, um die Strategien eines integrativ dynamischen Naturschutzes gemeinsam mit dem hoheitlichen Naturschutz umzusetzen. |
Ernst Partl (Naturpark Kaunergrat) bringt Schützen und Nützen in Einklang und verbindet den Erhalt der Trockenrasen, für den die Beweidung unerlässlich ist, mit einer zusätzlichen Erwerbsmöglichkeit für die LandwirtInnen. Ein besonderes Highlight der Weidewirtschaft stellt die Verarbeitung der Ziegenmilch aus den „Fließer Sonnenhängen“ dar: das Leitprodukt ist der Ziegenkäse „Kaisermantel“, der ab heuer auch touristisch vermarktet wird.
Der Naturpark Weißbach setzt auf vier Almen, in Zusammenarbeit mit der Naturschutzabteilung, den Naturschutzplan auf der Alm um. Die Maßnahme wird aktiv allen Bewirtschaftern angeboten, die Almen in Schutzgebieten bewirtschaften. Im Rahmen persönlicher Beratung für die AlmbewirtschafterInnen wird gemeinsam der Naturschutzplan erarbeitet, berichtete Christine Klenovec (Naturpark Weißbach). Damit liegt die Rolle des Naturparks in der Kommunikation, um eine Weiterentwicklung des Naturschutzes zu erreichen.
![]() Naturvermittlung als wertvoller Beitrag zum Naturschutz (Gabriela Orosel) |
Der Wandel zum integrativen Naturschutz vollzog sich im Naturpark Purkersdorf innerhalb der letzten zehn Jahre. Gabriela Orosel (Naturpark Purkersdorf – Sandstein-Wienerwald) präsentierte die Hauptaufgaben des stadtnahen Naturparks, die u.a. in der Bewahrung und Steigerung der Attraktivität des Schutzgebietes und der Stärkung der Identifikation und in der Bewusstseinsbildung der lokalen Bevölkerung liegen. Mit der naturnahen Wald- und Erlebnispädagogik werden hier seit Jahren hohe Maßstäbe in der Naturvermittlung gesetzt. |
Wesentliche Diskussionsbeiträge der TeilnehmerInnen:
- Auch über Umwege kommt man zum Ziel kommen, was am Beispiel des Wendehalses im Park Goričko verdeutlicht wurde
- Kommunikation ist ein wichtiges Mittel – Naturschutz beginnt im Kopf
- Hier hat sich eine Binsenweisheit bewahrheitet – Naturschutzziele zu erreichen ist ein steiniger Weg; um diese zu erreichen, muss v.a Kommunikation richtig gemacht werden
- Naturschutz funktioniert nur, wenn man an vielen Ebenen ansetzt
- Kommunikation bedeutet auch, Werte anzuerkennen – wie sehe ich das, wie du: darüber zu reden ist der zentraler Punkt
- Hauptmotiv bei UrlauberInnen ist und bleibt die Natur
- Die Ergebnisse der Niederösterreichischen Naturpark-Studie zeigen, welche der 4 Säulen der Bevölkerung und den BesucherInnen am wichtigsten: der Naturschutz
- Der Naturschutz und die Naturparke sollten ihre Leistungen transparenter machen; es wird vieles gemacht und es wurde bereits vieles erreicht, aber: Es muss offensiver nach außen transportiert werden
- Tourismus und Naturschutz sind keine Gegensätze! Zu diesem Thema gibt es wenige Kooperationsbeispiele, umso wichtiger war das Beispiel im Naturpark Weißensee: In diese Richtung muss weiter gearbeitet werden, sodass Tourismusbetriebe den Wert der Natur und des Naturschutzes schätzen lernen
- Schlüsselfaktor zum Erfolg: Akteure in innovative Projekte mit einbinden; deren „Selbstentscheidung“ beachten bzw. berücksichtigen
- Von der Bevölkerung und von BesucherInnen wird von den Naturparken Naturschutzkompetenz erwartet
- Das Besondere in den Naturparken ist, das Miteinander (von Tourismus, Landwirtschaft, Fortwirtschaft und Naturschutz) weiter zu entwickeln: Hier bestehen verschiedene Ansprüche an einen Naturraum, denen nachzugehen ist

Kommunikation – ein Schwerpunktthema der Tagung –
vor Ort in regen Diskussionen gelebt
Bei der anschließenden Exkursion zum Freilichtmuseum Großdöllnerhof führte Naturparkführerin Nikola Jakadofsky durch die Ausstellungen „Footprint – unser ökologischer Fußabdruck“ und „Volksmedizin und Aberglaube“.

Der Großdöllnerhof – stimmungsvolles Museum …

… und Veranstaltungsort
Begrüßung und Einleitung
Johannes Kunisch, Oö. Akademie für Umwelt und Natur
Franz Handler, Verband der Naturparke Österreichs
| Johann Thauerböck, Naturpark Mühlviertel | Natur im Naturpark Mühlviertel |
3,9 MB
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Barbara Derntl, Naturpark Mühlviertel
*) Die Vorträge der ReferentInnen stehen per Mausklick zum Download bereit.
Der Verband der Naturparke Österreichs dankt allen Mitwirkenden und freut sich auf eine weitere gute Zusammenarbeit!

















